Europäische Cloud: Was deutsche Unternehmen davon erwarten
78 Prozent der Unternehmen in Deutschland halten das Land für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern. Alle befragten Unternehmen würden einen Anbieter aus Deutschland bevorzugen. Gewechselt wird trotzdem selten, und das hat Gründe, die sich benennen lassen.
Die Zahlen sind eindeutig
Für den Cloud Report 2025 hat Bitkom Research 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten befragt. Die Ergebnisse zum Herkunftsland:
- 97 Prozent der Unternehmen, die Cloud-Dienste nutzen oder erwägen, achten auf das Herkunftsland des Anbieters.
- Für 67 Prozent ist ein vertrauenswürdiges Herkunftsland eine zwingende Voraussetzung. 2024 waren es 58 Prozent.
- 100 Prozent würden einen Anbieter aus Deutschland bevorzugen, 61 Prozent einen aus der EU.
- Die USA liegen mit 6 Prozent auf Platz 6, gleichauf mit Großbritannien.
- 82 Prozent wünschen sich große Cloud-Anbieter aus Deutschland oder Europa.
- Jedes zweite Unternehmen, das die Cloud nutzt, überdenkt wegen der Politik der US-Regierung die eigene Cloud-Strategie.
Gleichzeitig ist die Abhängigkeit real: 62 Prozent der Unternehmen würden ohne Cloud-Dienste stillstehen. 90 Prozent nutzen Cloud-Anwendungen, ein Jahr zuvor waren es 81 Prozent.
Der Wunsch hat eine Grenze
Die Umfrage zeigt auch, wo der Zuspruch endet. Ein Dienst, der Daten ausschließlich in Deutschland und vor ausländischem Zugriff geschützt verarbeitet, muss konkurrenzfähig sein.
Nur 12 Prozent würden ein solches Angebot nutzen, wenn sie länger auf neue Funktionen warten müssten. 7 Prozent wären bereit, etwa 10 bis 20 Prozent mehr zu zahlen. 65 Prozent würden keinen dieser Nachteile hinnehmen.
Für Sie als Geschäftsführung heißt das: Ein europäischer Anbieter muss im Alltag tragen. Souveränität allein überzeugt die eigene Belegschaft nicht.
Die EU baut gerade den Rahmen
Am 3. Juni 2026 hat die Europäische Kommission ihr Paket zur technologischen Souveränität vorgelegt. Es umfasst vier Bereiche: Halbleiter, Cloud und Künstliche Intelligenz, Open Source sowie die Digitalisierung des Energiesystems.
Für Cloud-Kunden sind zwei Punkte wichtig. Der angekündigte Cloud and AI Development Act soll einen einheitlichen EU-weiten Rahmen schaffen, mit dem sich die Souveränität von Cloud- und KI-Diensten bewerten lässt. Die Open-Source-Strategie soll Open-Source-Alternativen in vorrangigen Bereichen ausbauen und ihren Einsatz in öffentlichen Verwaltungen stärken.
Was heute schon gilt
Seit dem 12. September 2025 gilt der europäische Data Act. Er betrifft Anbieter von Datenverarbeitungsdiensten unabhängig von ihrer Größe und erfasst bestehende wie neue Verträge.
Für den Wechsel gelten Fristen. Nach Darstellung der Bundesnetzagentur hat der Anbieter nach Ihrer Ankündigung höchstens zwei Monate Zeit für die technische Vorbereitung. Danach folgt ein Übergangszeitraum von höchstens 30 Kalendertagen, den Sie einmalig verlängern dürfen. Nach dem Wechsel bleiben Ihre Daten mindestens 30 Kalendertage beim bisherigen Anbieter abrufbar.
Bei den Kosten greift eine Stufenregelung. Bis zum 11. Januar 2027 dürfen nur noch unmittelbar wechselbezogene Kosten berechnet werden. Ab dem 12. Januar 2027 sind Wechselentgelte vollständig unzulässig.
Der Data Act regelt auch den Zugriff von außerhalb der EU. Anbieter dürfen in der EU gespeicherte Daten nicht an Behörden außerhalb der EU weitergeben, solange keine gültige Rechtsgrundlage besteht. Verlangt eine ausländische Behörde die Herausgabe, muss der Anbieter zuerst prüfen, ob das Ersuchen mit EU-Recht vereinbar ist.
Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung. Für Ihren Einzelfall ziehen Sie bitte juristischen Rat hinzu.
Europäisch heißt nicht automatisch unabhängig
Prüfen Sie bei jedem Anbieter die ganze Kette. Wem gehören die Server, wer betreibt sie, wer hat Zugriff, und welche Unterauftragnehmer sind beteiligt. Lassen Sie sich die Liste der Unterauftragnehmer aus dem Auftragsverarbeitungsvertrag zeigen. Ein Rechenzentrum in Frankfurt sagt für sich genommen wenig darüber aus, wer am Ende an die Daten kommt.
Open Source verschiebt diese Frage noch einmal. Nach der Definition der Open Source Initiative darf eine Open-Source-Lizenz für die Weitergabe der Software keine Lizenzgebühr verlangen, und der Quellcode muss verfügbar sein. Sie können die Software auf eigenen Servern betreiben oder den Dienstleister wechseln, ohne die Software zu wechseln. Was das wirtschaftlich bedeutet, beschreiben wir im Beitrag Open Source als Wirtschaftsfaktor.
Häufige Fragen
Was ist eine europäische Cloud? Ein Cloud-Dienst eines Anbieters mit Sitz in Europa, dessen Server in Europa stehen und für den europäisches Recht gilt. Entscheidend ist die gesamte Kette aus Betreiber, Infrastruktur und Unterauftragnehmern.
Warum wollen Unternehmen eine deutsche Cloud? Nach dem Bitkom Cloud Report 2025 halten 78 Prozent Deutschland für zu abhängig von US-Anbietern. Alle Befragten würden einen Anbieter aus Deutschland bevorzugen.
Ist eine europäische Cloud teurer? Das hängt vom Angebot ab. Die Zahlungsbereitschaft ist begrenzt: Nur 7 Prozent der Unternehmen wären bereit, etwa 10 bis 20 Prozent mehr zu zahlen.
Was kostet ein Anbieterwechsel? Bis zum 11. Januar 2027 dürfen Anbieter nur noch unmittelbar mit dem Wechsel verbundene Kosten berechnen. Ab dem 12. Januar 2027 sind Wechselentgelte unzulässig.
Was Sie jetzt tun sollten
- Schreiben Sie auf, welche Cloud-Dienste Sie heute nutzen und wo die Daten liegen.
- Fordern Sie bei Ihren wichtigsten Anbietern die Liste der Unterauftragnehmer aus dem Auftragsverarbeitungsvertrag an.
- Prüfen Sie bei der nächsten Vertragsverlängerung, welcher Dienst sich mit vertretbarem Aufwand verlagern lässt.
Wenn Sie einordnen möchten, wie abhängig Ihr Unternehmen heute ist, sprechen Sie uns an.
Quellen
- Bitkom: Wirtschaft ruft nach einer deutschen Cloud, Presseinformation vom 11.06.2025 (Cloud Report 2025, 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten, KW 12 bis KW 19 2025)
- Europäische Kommission: Strengthening Europe’s tech sovereignty, 03.06.2026
- Bundesnetzagentur: Datenverarbeitungsdienste und Anbieterwechsel, abgerufen am 13.10.2026
- Open Source Initiative: The Open Source Definition, Version 1.9, abgerufen am 13.10.2026